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28.05.2014
gesehen 2310 Kommentare 1

Die Götterbotin, die aus dem Muskel kommt

Gastbeitrag von Dr. Martin Weiß, Facharzt für Allgemeinmedizin und Chirotherapie, Kieser Training Rosenheim

Die Götterbotin, die aus dem Muskel kommt, haben Forscher der Harvard-Universität in Boston 2012 entdeckt. Um sie wird heftig gerungen, doch dazu kommen wir später. Aktive Muskeln produzieren eine Palette von Stoffen, die in den Stoffwechsel der Muskelzellen eingreifen und zugleich über das Blut die lebenswichtigen Organe erreichen und dort hormonähnliche Wirkungen entfalten. Um ihre Bedeutung zu verstehen lohnt sich ein Blick auf die Resultate einer Studie[i] aus dem Muskelforschungszentrum in Kopenhagen: Eine Gruppe gesunder junger Männer verminderte ihre tägliche Schrittzahl von vorher 10.000 (8 km) für zwei Wochen auf magere 1.500 Schritte (1,2 km). Die Ergebnisse sind verblüffend und machen die Bedeutung von ausgiebiger Bewegung für die Gesundheit mehr als deutlich: Körpergewicht -1,2 kg durch Abbau von Muskelmasse, Bauchfett +7% bei unverändertem Gesamtfettanteil, Fett- und Zuckerverwertung stark eingeschränkt, Fitnessparameter -7%. Und das in zwei Wochen.

Was bedeutet diese Studie für den Homo sapiens? Vom Homo erectus, einem aufrechten Vorfahren abstammend, sind wir dabei, uns zu einem sitzenden Wesen zu entwickeln, dem „Homo sedans“. In Industrienationen bewegen sich rund 85% unserer Spezies nach sportmedizinischen Kriterien unzureichend und schaffen allenfalls die in der Studie genannten 1.500 Schritte. Diese Menschen – immerhin die überwiegende Mehrheit – leben mit  gefährlich entgleistem Stoffwechsel. Das im Bauchraum deponierte Fettgewebe ist dort nicht einfach abgelagert. Es gehört dort nicht hin und erzeugt eine chronische Entzündung im ganzen Körper, die eine Kettenreaktion nach sich zieht: Insulinresistenz mit Störung des Zuckerstoffwechsels, Arteriosklerose  mit erhöhtem Risiko für Herzinfarkt und Schlaganfall, Schädigung von Nervenzellen und ein stark erhöhtes Krebsrisiko sind die wissenschaftlich gesicherten Folgen von Bewegungsmangel.

Dass Bewegung das Risiko für Herz- und Kreislauferkrankungen senkt und das Gehirn ankurbelt wissen wir schon lange. Bente K. Pedersen, die Direktorin des Muskelforschungszentrums der Universität von Kopenhagen, hat mit ihrem Team diesen lange gesuchten „Exercise Factor“ identifiziert. Es ist nicht ein „Elixier“, das uns vor einer Vielzahl sogenannter Zivilisationskrankheiten schützt, sondern eine ganze Gruppe von Stoffen. Nach Pedersen heißen sie Myokine, abgeleitet von Muskel und Bewegung – weil sie nur vom arbeitenden Muskel produziert werden und sowohl in den Muskelzellen selbst, als auch in Leber, Fettgewebe und Gehirn ihre lebenswichtigen Schutzfunktionen ausüben. Vier dieser Myokine und einen Verdächtigen stelle ich kurz vor.

Interleukin 6 (IL 6) ist von allen Myokinen am besten untersucht. Es wird durch intensive körperliche Bewegung genau so ausgeschüttet wie bei einer Sepsis, einer lebensbedrohlichen Blutvergiftung. Ohne das Risiko einer Infektion stimuliert Bewegung das Immunsystem und schützt vor Krankheiten.

Interleukin 15 (IL 15) wirkt anabol und unterstützt so den Aufbau von Muskel- und Knochenmasse. Zugleich spielt es eine zentrale Rolle im „Zwiegespräch“[ii] von Muskel- und Fettgewebe, indem es vor allem den schädlichen Bauchspeck reduziert. So trägt es zum Abklingen der chronischen Entzündung bei.

BDNF (brain derived neurotropic factor) wird, wie der Name sagt, im Gehirn gebildet, schützt Nervenzellen und ihre Verbindungen (Synapsen) und fördert selbst im Alter noch die Neubildung von Nervenzellen. Neu ist die Erkenntnis, dass BDNF bei Muskelkontraktion auch in der Muskelzelle gebildet wird. Es ist also auch ein Myokin. Diese Entdeckung erklärt vielleicht die Beobachtung, dass bewegte Kinder besser lernen.

EPO (Erythropoietin) steht im Verdacht, ein Myokin zu sein. Es baut Muskelmasse auf und stimuliert die Neubildung von Blutgefäßen. Eine wichtige Rolle spielt es bei der Anpassung der Muskeln auf Trainingsreize. Es fördert den Fettabbau und optimiert das Verhältnis von Muskel- zu Fettmasse. Forscher vermuten, dass es auch in der aktiven Muskelzelle gebildet wird. 

Irisin – abgeleitet von Iris, der Götterbotin – wurde erst 2012 an der Harvard-Universität entdeckt. Es steigert die Zuckerverwertung, wandelt „schlechtes“ weißes in „gutes“ braunes Fett um und führt zur Gewichtsabnahme, so dass manche Forscher schon von einer „Exercise-Pill“ träumen. 

Bevor wir von der Wunderpille träumen, sollten wir uns auf die Gesetze der Natur besinnen. Das Prinzip „use it or lose it“ erfährt mit Entdeckung der Myokine eine neue, tiefere Bedeutung. Sie geht mitten hinein in den Stoffwechsel und damit an die Grundlagen des Lebens. Wir verspielen unsere Gesundheit, wenn wir weiterhin den „Ruhestand“ als Lebensziel ins Auge fassen.



[i] Olsen RH & Pedersen BK, (2008) Metabolic responses to reduced daily steps in healthy nonexercising men. JAMA 299, 1261-1263

[ii] Bente K. Pedersen: „Il 15 – a role in muscle-fat-crosstalk“

Kommentare

  • 29.07.2014 | Jemand:

    BDNF (brain derived neurotropic factor): Hierzu noch ein interessanter Denkansatz. Aristoteles, ein berühmter Philosoph im alten Griechenland, hielt seine Vorlesungen, indem er mit seinen Studenten spazieren ging. Vielleicht ein Indiz, dass schon Aristoteles dies schon unbewusst erkannte? Was denkt Ihr? LG

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