Therapien ohne Evidenz

Liebe Blog-Leser,

ich wurde hier im Blog nach meiner Meinung zum Therapieverfahren "Liebscher-Bracht" gefragt. Hier sind die Ergebnisse unsere Forschungsabteilung zu dem Therapieverfahren.  Nach gründlicher Literaturrecherchen und einem Telefonat mit dem Zentrum von Dr. Walter Packi, können wir folgendes sagen:

Die wissenschaftliche Grundlage der Schmerztherapie nach Liebscher und Bracht folgt dem Prinzip der Muskelrelaxation über die Aktivierung von Golgi-Sehnen-Organen. Das Prinzip ist, dass die Muskulatur bei Schmerzpatienten intensiver arbeitet, weil sie den Körper vor Schmerzen schützen will. Ziel ist es, die Muskelspannung/-kraft zu minimieren, so dass sich die Schmerzsymptomatik reduzieren lässt (davon gehen sie aus, was aber Unsinn ist).

Physiologisch betrachtet, kann man dies erklären, indem durch Aktivierung von Golgi-Sehnen-Organen, welche die Zugspannung von Sehnen messen, eine ZNS-Aktivierung stattfindet, welche die Muskeln relaxiert. Die Schlussfolgerung, dass nun der Muskel länger/relaxiert werden kann und damit eine Entlastung der Gelenkstellungen etc. eintrifft, entbehrt jeder logischen Grundlage. Die physiologische Länge bleibt ja immer gleich. Das dies zu einer Reizsetzung führen könnte, welche eine Sarkomeraddition hervorruft, ist zu bezweifeln. Eine wissenschaftliche Evidenz dafür gibt es nicht.

Es gibt eine Studie, welche von Prof. Ingo Froböse an der Sporthochschule Köln ausgeführt wurde. Um diese Studie zu erhalten, haben wir direkt bei Prof. Froböse angefragt. Bis heute hat er sich nicht gemeldet. 

Es existiert keine "Peer-Review" (Kreuzgutachten von unabhängigen Gutachtern) oder ähnliches zur Schmerztherapie nach Liebscher und Bracht. Diejenigen Studien, welche sich mit den Schmerztherapien beschäftigt haben, führten manuelle Techniken aus. Neue Konzepte wie Flexx (http://www.fle-xx.com/mediathek/videos/) bauen auf diesem Prinzip auf. Der Experte im Video (Pierro Fontana) ebenfalls. Wir haben ihn angesprochen. Er kann keine Beweise für die Wirksamkeit solcher Maßnahmen liefern.

Natürlich gibt es Videos, in denen "Geheilte" auf das Verfahren schwören. Wir schreiben einer solchen Behandlung im günstigsten Fall lediglich eine akute Wirkung zu.

Ihr Werner Kieser

Kommentare

  • 20.09.2015 | Gast:

    @Herr Kieser: Hat sich die Forschungsabteilung oder Sie auch einmal mit der sog. Spiraldynamik-Therapie befasst? Oder wie stehen Sie zur Triggerpunkt-Therapie? Und was halten Sie vom sog. Faszien-Training? Beste Grüsse

  • 21.09.2015 | Werner Kieser:

    Lieber Gast, die «Spiraldynamik» ist ein Bewegungs- und Therapiekonzept, basierend auf Messungen der funktionellen Anatomie, Biomechanik und Evolutionsgeschichte. Als Grundlagenkonzept - es erklärt den «Bauplan des menschlichen Körpers anhand des «Spiralprinzips» - ist es nachvollziehbar, aber nicht beweisbar. Im wissenschaftlichen Sinne beweisbar ist nur die therapeutische oder pädagogische Umsetzung bei bestimmten Fragestellungen. Und da gibt es erste Ansätze: Eine ETH-Studie aus dem Jahr 2009 mit in-vivo Kinematik-Messungen im Fuß geht kongruent mit der von der «Spiraldynamik» postulierten «spiraligen Messung der Struktur- und Funktionsweise des menschlichen Fußes» (Wolf P, 2009). Dies wurde an mehreren fußchirurgischen Kongressen präsentiert. Am Spiraldynamik Med Center in Zürich belegt eine Pilotstudie (Kirsche A, 2015) die klinische Wirksamkeit des Konzepts bei Vorfußschmerzen. Soweit meine Information zur Spiraldynamik. Über Faszien-Training und zur Triggerpunkt-Therapie werde ich später informieren. Ihr Werner Kieser

  • 28.09.2015 | Werner Kieser:

    Lieber Gast, "Faszientraining" ist einfach ein neuer "Hype" der Physiotherapeuten und Fitnessanbieter neue Einkommensmöglichkeiten verspricht. Die Faszien werden bei praktisch jedem Körpertraining trainiert. Dazu braucht es keine besonderen Massnahmen. Studien, die etwas über die Wirksamkeit aussagen, gibt es bislang noch nicht und wird es wohl auch nicht geben. Zur Triggerpunkt-Therapie exisieren meines Wissens keine Studien, die eine Wirksamkeit nachweisen. Ich hatte selbst eine solche Behandlung erfahren. Sie ist schmerzhaft, scheint aber zu wirken. Zumindest haben sich meine Schmerzen im Schulterbereich eindeutig verbessert. Deshlb kann ich hier keine objektive Aussage machen. Ihr Werner Kieser

  • 13.10.2015 | Gast:

    Sehr geehrter Herr Kieser, was ist von der Sensomotorischen Körpertherapie zu halten? Diese ist meines Wissenes nach gegen Krafttraining und schreibt die Ursachen für Schmerzen dauerangespannten Muskeln zu....als einzig mögliches Krafttraining empfiehlt diese Therapieform nur Übungen mit einer größtmöglichen Bewegungsamplitude. Was halten Sie davon? Beste Grüße

  • 13.10.2015 | Werner Kieser:

    Lieber Gast, die Sensomotorische Körpertherapie entwickelt die Selbstwahrnehmung des eigenen Körpers und dessen Ortung im Raum (Propriozeption). Sie ist in dieser Hinsicht vergleichbar mit Systemen wie Feldenkrais, Alexander, sowie anderen Methoden der Selbstwahrnehmung. Der Effekt dieser Systeme besteht in der Lösung von (unnötigen) Muskelspannungen, womit die dadurch entstandenen Beschwerden verschwinden können. Da es sich hier um unspezifische Beschwerden handelt, ist die Wirkung schwierig zu objektivieren, obwohl sie im individuellen Fall erlebt wird. Aus eigener Erfahrung mit Alexander und Feldenkrais kann ich diese Verfahren empfehlen. Ihr Werner Kieser

  • 13.10.2015 | Gast:

    Sehr geehrter Herr Kieser, haben Sie vielen Dank für Ihren Kommentar! Ich habe mir mutmaßlich unter anderem mit Pilates und der dabei gelehrten einseitigen Flankenatmung mit eingezogener Bauchdecke und einer haltenden Dauerspannung einen verspannten Beckenboden antrainiert. Gerne würde ich mit Kieser Training beginnen, bin aber noch uninformiert, ob hier eine normale Vollamtung, keine Haltepositionen, kein Halten von Dauerspannung egal ob in der Dehnung oder in der Kontraktion angewandt wird? Vielen Dank im Voraus! Beste Grüße!

  • 13.10.2015 | Werner Kieser:

    Lieber Gast, probieren Sie es einfach. Ich weiß nicht so recht was Sie unter "Haltepositionen" verstehen. Wir atmen voll durch, entsprechend dem Sauerstoffbedarf, achten darauf, dass der Atem nicht angehalten wird, d.h. vermeiden "Pressatmung". Für den Beckenboden haben wir eine Maschine entwickelt, die die Anspannung wie die Entspannung der Beckenbodenmuskulatur trainiert. Ein Einführungstraining ist kostenlos. Ihr Werner Kieser

  • 15.10.2015 | I.S:

    Piero Fontana, der Naturwissenschaftler von der ETH, steht hinter einer Methode, die er wissenschafltich nicht belegen kann?

  • 15.10.2015 | Werner Kieser:

    Lieber I.S., welche Methode meinen sie? Ihr Werner Kieser

  • 12.01.2016 | C.H:

    Guten Tag Herr Kieser, Anbei ein Auszug aus der Arbeit von Dr. Toigo: Wie erklären Sie sich die veränderte Muskellänge und somit die Anzahl der Sarkomere bei Erwachsenen im Vergleich zu Säuglingen. Die Ibsertionsstelle der Sehne ändert sich schließlich nicht. Hier der wissenschaftliche Auszug... Strukturelle Anpassung an Längenreize: Es ist schon lange bekannt, dass sich Muskeln an eine neue funk- tionelle Länge anpassen können, indem an den Enden von Myo- fi brillen neue Sarkomere in Serie addiert oder entfernt werden (Dix und Eisenberg 1990; Griffi n et al. 1971; Tabary et al. 1972; Williams und Goldspink 1971). Immobilisation bei langer Mus- kellänge (in gedehnter Position) resultiert in einer Zunahme der Anzahl Sarkomere in Serie. Umgekehrt führt Immobilisation bei kurzer Muskellänge (in verkürzter Position) zu einer Abnahme der Anzahl Sarkomere in Serie. Diese Veränderungen gehen einher mit einer Remodellierung des Bindegewebes (Goldspink 1985; Tabary et al. 1976; Tardieu et al. 1977, 1982; Williams und Gold- spink 1984). Auf die Remodellierung des Bindegewebes und deren funktionelle Konsequenzen wird hier nicht eingegangen. Direkte Evidenz für die trainingsinduzierte Modulation der Anzahl Sar- komere stammt von In-vivo- und In-situ-Tierexperimenten bei der Ratte (Butterfi eld et al. 2005; Lynn und Morgan 1994; Lynn et al. 1998). Aus den Resultaten dieser Experimente folgt, dass exzentri- sches Training (Kontraktionen bei sich verlängerndem Muskel) zu einer Zunahme, konzentrisches Training (Kontraktionen bei sich verkürzendem Muskel) zu einer Abnahme der Anzahl an Sarkomeren in Serie.

  • 13.01.2016 | Andreas:

    @C.H.: Könnten Sie bitte auf Deutsch in 2-3 Sätzen übersetzen, was Sie mit dem Obengesagten ausdrücken möchten. Und wo die Praxisrelevanz liegt bzw. inwiefern. Besten Dank.

  • 03.01.2017 | Christian:

    Hallo Herr Kieser, was sagen Sie zu diesem Video? Hier wird ja eigentlich Kieser Training indirekt angesprochen, denn mit diesem Slogan wirbt meines Wissens nur Kieser Training. https://www.youtube.com/watch?v=tTEmpwaC28o

  • 03.01.2017 | Werner Kieser:

    Lieber Christian, danke für den Hinweis. Es handelt sich hier um den Vertreter der "Liebscher-Bracht Schmerztherapie", für deren Wirksamkeit wir keine valide Studie gefunden haben. Die Tatsachen widersprechen seiner These. Ich habe ihn auf folgende Studien hingewiesen: Europea spine Journal Volume 16, Number 11, 2007, V53 "Medical Strengthening Therapy". Von 388 Patienten mit OP-Indikation konnten nach mehrmaligem Rückenkrafttraining an unserer LE 344 den Operationstermin absagen, weil sie schmerfrei waren. Die meisten hatten schon eine Odyssee von offenbar nutzlosen Physiotherapien hinter sich. Ihr Werner Kieser

  • 08.04.2017 | Markus:

    Sehr geehrter Herr Kieser: Haben Sie oder die Kieser-Forschungsabteilung sich einmal mit der Therapie-Form Osteopathie befasst? Falls ja, wie wäre Ihre Einschätzung? Im Übrigen möchte ich noch anmerken, dass dieser Blog hoffentlich weiter bestehen bleibt, auch wenn Sie nur noch im Hintergrund tätig sind. Habe schon in den 80er Jahren das erste Buch von Ihnen gelesen und fand Ihre Ausführungen & Bücher immer interessant. Besten Dank im Voraus & Gruss

  • 08.04.2017 | Werner Kieser:

    Lieber Markus, vorab: der Blog bleibt bestehen, da ich weiterhin am Thema bleibe. Zur Osteopathie: Wir haben uns noch nicht eingehend damit befasst. Wie viele sogenannte "alternative" medizinische Verfahren hat auch die Osteopathie Erfolge vorzuweisen, wir aber von der etablierten Medizin nicht, oder noch nicht anerkannt. Deswegen ein Verfahren a priori abzulehnen halte ich für voreingenommen und falsch. Ich habe im Nebenfach zur Philosophie Wissenschaftsgeschichte studiert und gesehen, wie schwer es neue Verfahren hatten, sich aber allmählich doch durchsetzten weil die anerkannten Verfahren sich als mangelhaft erwiesen und/oder die "Autoritäten" starben und junge Forscher, die noch keine "Lebenswerk" zu verteidigen hatten, zum Zuge kamen. Ihr Werner Kieser

  • 20.11.2017 | Stephan Goldammer:

    Schade Herr Kieser, dass sie dem Faszientraining so ablehnend gegenüberstehen. Eigentlich hätte ich anderes von Ihnen erwartet, als eine pauschale Aburteilung als Hype, als neue Einkommensquelle und als die-werden-doch-eh-immer-mit-trainiert. Schauen sie sich doch mal die Ergebnisse von Dr. Robert Schleip (Universität Ulm) an, einem der führenden Faszienforscher, der großes Talent hat die Faszien und das Faszientraining zu erklären. Ihre Ablehnung von Faszientraining mit eher "seltsamen" Argumenten hat mich richtig enttäuscht! Gerade als jemand der aus der Ecke HIT, Arthur Jones und Wissenschaft/Philosophie kommt ist das eine sehr schwache Argumentation.

  • 20.11.2017 | Werner Kieser:

    Lieber Stephan Goldhammer, meine Meinung zum "Faszientraining" ist eben eine Meinung. Das Ganze erinnert mich zu sehr an die "Stretching"- Mode der 80er Jahre. Es kann durchaus sein, dass irgendwann eine Evidenz für die Wirksamkeit des Verfahrens vorliegt. Dann muss ich eben meine Meinung ändern. Mit Dr. Schleip habe ich das Thema schon vor Jahren an einem Kongress in München diskutiert. Meine Kernaussage ist jedoch: Sie können gar nicht verhindern, dass die Faszien bei ganz normalem Muskeltraining trainiert werden, dass sie somit kein gesondertes Training benötigen. Ihr Werner Kieser

  • 20.11.2017 | Stephan Goldammer:

    Guten Tag Herr Kieser, viele Dank für ihre Antwort. Ihre Kernaussage ist: „Die Faszien werden und wurden schon immer mittrainiert.“ Stimmt. Aber nicht optimal. Auch Herr Schleip sagt, Faszien werden, es geht ja gar nicht anders, immer mit trainiert. Aber genauso gut könnte man argumentieren, beim Herz-Kreislauftraining „Joggen“ werden doch die Muskeln trainiert, da braucht man doch kein Muskeltraining, oder beim anstrengenden Muskeltraining wird irgendwie auch Cardio gemacht, lassen wir doch Cardio weg usw. Ich weiß nicht wie lange ihr Treffen mit Herrn Schleip schon her ist, aber er sagt, in den letzten 1 bis 2 Jahren sind ganz neue Erkenntnisse aus der Forschung gekommen. Diese kann man plakativ so zusammenfassen: Yoga bzw. Strechting bringt nichts, du musst auch endgradige Wippbewegungen machen (Turnvater-Jahn-ähnlich). Er vergleicht dies mit einer harten Feder (Sehne) die in Reihe mit einer weichen Feder (Muskel) geschaltet ist. Macht man jetzt eine langanhaltende Yoga-ähnliche Dehnung, geht die gesamte Kraft in die weiche Feder (Muskel) und nichts kommt in der harten Feder (Sehne) an. Um die Sehne zu erreichen, muss man in der Dehnung wippen. Daher können Leute 10 Jahre Strechting machen und „peng“, trotzdem reißt im Alltag die Sehne. Es ist zwar richtig, dass bei voller ROM im Muskeltraining auch die Faszie gedehnt (logisch, die hängt ja am Muskel dran und drin) wird, aber vermutlich nicht optimal. Laut Dr. Schleip sind ca. 40 bis 50 Wippbewegungen in der Enddehnung nötig (viel mehr bringt nichts, könnte eventuell sogar Schaden), um die Sehne/Faszie zum Wachsum/Neustrukturierung anzuregen (dann ca. 48 bis 72 Stunden Pause/Regeneration, grob ähnlich wie beim Muskel). In diesem Vortrag von Mai 2017 hat er alles Wichtige dargestellt: https://www.youtube.com/watch?v=2LDHw1DqHr0 Viele Grüße Stephan Goldammer (ohne h)

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