„In einen guten Film versinke ich wie ein kleines Kind“

Mit seinen halblangen schwarzen Haaren und dem Ziegenbart sieht er aus wie der junge Johnny Depp – und auch in der Rolle des Frauenschwarms macht sich der Berliner Schauspieler Christian Martin Schäfer gut. Er selbst mag Filme, die ihn seelisch bewegen ...

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Name:
Christian Martin Schäfer (www.christianmartinschaefer.com)
Geburtsdatum: 3.6.1980
Beruf: Schauspieler, Regisseur, Produzent
Hobbys: Sport allgemein, Schachboxen, Film

Sie haben als knapp 30-Jähriger Ihrer Heimat und Ihrer Arbeit als Werbetexter in Zürich den Rücken gekehrt und sind nach Berlin gegangen. Was hat Sie getrieben?
Ich wollte Schauspieler werden, nicht fürs Theater, sondern für den Film. In der Schweiz werden nur ganz wenige Filme produziert. Und da reinzukommen ist wahnsinnig schwierig. Es gibt nur ganz, ganz wenige Film-Schauspieler in der Schweiz, die von ihrem Beruf leben können.

Warum wollten Sie nicht Theater-Schauspieler werden?
Als Kind und Jugendlicher habe ich viel Theater gespielt, Schauspiel war schon immer ein Berufswunsch. Aber ich wollte Filme machen, ob vor oder hinter der Kamera. Filme faszinieren mich einfach.
Mit Anfang 20 habe ich versucht, erstmal einen ehrbaren Beruf zu lernen. Das ist mir nicht geglückt, ich bin nur Werbetexter geworden (lacht). Meine Abschlussarbeit habe ich über die Geschichte des Werbefilms geschrieben. Ich wollte der Filmbranche so nah wie möglich kommen. Der Beruf hat mir die wirtschaftliche Sicherheit und die Freiheit gegeben, mich in das ungewisse Feld der Schauspielerei zu stürzen. Ich hatte ein bisschen Geld gespart, dass ich in Berlin in die Schauspielausbildung investieren konnte. Und ich wusste, ich könnte jederzeit wieder zurück in die Schweiz und als Werbetexter arbeiten.

Was fasziniert Sie gerade am Film?
Das ist schwer zu beantworten. Einerseits ist es fast ein Zwang für mich, etwas, das ich tun muss. Keine Ahnung warum, das kommt vielleicht von meinem Vater, der war auch Regisseur und Schauspieler. Ich sehe Film als Teamarbeit. Wenn alle gut zusammenspielen, dann entsteht etwas Besonderes beim Take (eine kurze, noch ungeschnittene Aufnahme, Anmerkung).
Ich mag es, im Film komplett andere Welten zu erleben. Die Serie „Boardwalk Empire“ ist so ein Beispiel. Sie spielt in den 20er-Jahren in Amerika. Das Set ist entsprechend gebaut: Mit Häusern, Autos und Kostümen aus der Zeit. Im Theater passiert das eher in der Imagination des Zuschauers, im Film wird es dargestellt.
Film ist das Medium, das mich komplett entführen kann. Bei einem guten Film achte ich auch nicht mehr darauf, wie er gemacht ist, sondern versinke wie ein kleines Kind komplett in diese Welt. Film vermag es, mich seelisch zu bewegen. Um einen Film gut zu finden, möchte ich einmal lachen und einmal weinen. So wie vergangenes Jahr, als ich den Film „Lion“ gesehen habe. Ein fünfjähriger Junge verirrt sich in der indischen Metropole Kalkutta, wird adoptiert und sucht später verzweifelt nach seiner eigentlichen Familie und seinen Wurzeln. Am Schluss sieht man, wie das alles in echt passiert ist. Da liefen bei mir die Tränen. Der Film ist sehr gut gemacht, er ist unaufgeregt gespielt und inszeniert. Das mag ich gerne.

Können Sie vom Schauspielen leben?
Im Moment ist es eine Mischrechnung aus drei Jobs: Zum Film-Schauspielen kommt die Arbeit als freier Werbetexter für diverse Agenturen. Und dann habe ich ja noch meine eigene Werbefilm-Produktionsfirma „ROCC Film" (www.roccfilm.de), in der ich meistens die Regie übernehme. Bei der Regiarbeit kommt alles zusammen, was ich in meinem bisherigen Leben gemacht habe: meine Erfahrung mit Kunden, in der Agentur, mit Texten und beim Schauspielen. Als Regisseur erzähle ich den Schauspielern einfach, wie schlecht ich mich gefühlt habe, als ich selbst vor der Kamera stand. Ich rede über meine Schwächen, dann entspannen sich alle anderen.

Was würden Sie am liebsten ausbauen?
Langfristig möchte ich gerne vom Schauspiel und der Werbefilmregie leben. Mit dem Schauspiel alleine genug zum Leben zu verdienen, ist eher unwahrscheinlich. Wenn man als Film-Schauspieler 30 bis 40 Tage im Jahr arbeiten kann, dann ist man schon begehrt und deutlich erfolgreicher als alle Film-Schauspieler, die ich um mich herum kenne. Alle müssen nebenbei etwas anderes arbeiten.
Ich hatte in den vergangenen Jahren mehrere große Rollen auf dem Tisch. Hauptrollen, bei denen ich im Auswahlverfahren zum Teil sogar bis unter die letzten Drei kam. Es war immer so an der Grenze. Das läuft auch weiterhin die ganze Zeit nebenher. Aber ich will nicht Zuhause rumsitzen und warten, bis jemand anruft und sagt: „Wir wollen mit dir arbeiten“. In der Zeit vergammel ich –auch seelisch. Mit der eigenen Filmproduktion bin ich total happy. Ich habe so viel Schöpfungskraft, die ich dadurch nutzen kann.

Sehen Sie sich als Schweizer oder als Deutscher Schauspieler?
Ich bin Schweizer. Ich mag meine Heimat total, unabhängig von Landesgrenzen. Das Dorf Fällanden in dem ich aufgewachsen bin, die Stadt Zürich, in der ich geboren bin, die Freunde, die Berge ... Wenn ich da bin, fühle ich mich sehr verbunden, sehr zuhause und geerdet. Auch wegen meiner Mutter. Berlin ist meine neue Heimat, hier fühle ich mich auch sehr gut. Ich habe viele tolle Menschen um mich herum, ich mag die Stadt. Jeder macht was, jeder hat irgendein Projekt. Die Stadt ist international, die Menschen sind offen.

Auf Ihrer Website sind an erster Stelle Ausschnitte aus dem Inga-Lindström-Film „Jule und das Kochbuch der Liebe“ zu sehen. Darin spielen Sie die männliche Hauptrolle, den Innenarchitekten und Kochschüler Bille, der sich in eine Food-Bloggerin verliebt. Was bedeutet Ihnen dieser Film?
Es ist der größte Erfolg den ich bisher hatte. Den Film haben 4,5 Millionen Menschen angeschaut, Sonntagabend um 20.15 Uhr, Hauptrolle Deutsches Fernsehen, ZDF. Das ist für einen Schweizer schon viel, die Hälfte der Einwohner unseres Landes. Es gibt viele Schauspieler mit toller Ausbildung, die das nicht geschafft haben und ich bin sehr, sehr stolz darauf.

Sie spielen häufig den Sonnyboy und charmanten Verführer. Wie gut passt diese Rolle zu Ihnen?
Ich glaube, es gibt zwei verschiedene Arten von Schauspielern: Die einen, die sich komplett einen anderen Charakter aneignen und die anderen, die mit Durchlässigkeit berühren. Ich glaube, letzteres ist eher meine Stärke. Ich kann mich sehr gut öffnen. Das heißt, es ist ein Teil von mir, der da sichtbar ist. Aber es ist trotzdem nur eine Rolle.
Auf der anderen Seite kann ich auch abgründige Charaktere spielen. Ich habe bei einem Film mitgemacht, der gerade in der Nachproduktion ist, da spiele ich einen Bösewicht, einen absolut verrückten Typen. Das finde ich meine beste schauspielerische Leistung.

Sie sagten, Sie geben beim Schauspielern viel von sich selbst rein. Wie war das bei der Rolle des Bösewichts? Kamen da Ihre dunklen Seiten zum Vorschein?
Ich habe mal gehört, alles, was sich ein Mensch ausdenken kann, kann er auch machen. Jeder Horrorfilm ist aus irgendeiner menschlichen Seele entstanden. Jeder Mensch ist fähig, einen Mord zu begehen. Es ist nur die Frage, wie stark solche Gelüste, Ängste und Sehnsüchte in uns ausgeprägt sind. Wir sind darauf getrimmt, diese Seiten in uns wegzudrängen. Wenn wir ihnen nachgeben würden, würde unsere Gesellschaft nicht funktionieren. Aber in uns drin sind sie. Ich muss nur hingehen und sie anschauen und dann den Mut haben, sie loszulassen. Nur für den Moment natürlich. Nur in dem geschützten Rahmen, in dem der Regisseur sagt „Action“.

Was macht das mit einem, sich auf das Böse einzulassen, es zu leben?
Es macht mich ganzer. Unser Hirn gaukelt uns vor, dass wir wahnsinnig zivilisiert sind. Dabei belügen wir uns selbst. Ich glaube, wir sind 98 Prozent Tier und 2 Prozent Hirn. Es gibt nicht weit von den europäischen Grenzen entfernt viel Leid, Hunger und Armut. Wir nehmen das einfach hin.
Ich bin froh, dass ich durch solche Rollen zu meinen Wurzeln und zu meinem Unbewussten komme. Wenn man sich auch die eigenen dunklen Seiten anguckt und akzeptiert, kann man damit entspannter umgehen.
Momentan will mich das deutsche Fernsehen aber nicht in der Rolle des Bösewichts sehen, sondern vorwiegend in der des Sonnyboys. Das ist für mich okay und ich bin auch bereit, das zu bedienen.

Bekommen Sie seit der Lindström-Verfilmung stapelweise Fanpost von Frauen?
Stapelweise ist übertrieben, aber es sind Reaktionen gekommen. Vor allem über die sozialen Medien. Dort haben sich Menschen –Männer wie Frauen –mir gegenüber liebevoll geöffnet, haben mir geschrieben, dass sie der Film berührt hat. Ich finde das sehr schön und fühle mich dadurch auch unterstützt. Im Unterschied zum Theater hat man ja als Film-Schauspieler keinen direkten Draht zum Publikum.

Interview: Monika Herbst
Fotos: Verena Meier

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