Springen ist Freiheit

Die Drehungen und Salti der Freestyle-Skifahrer sehen leicht und elegant aus. Doch es gibt einen düsteren Begleiter, der an jedem Trick haftet: die Verletzungsgefahr. Was bedeutet das für Profis wie Olly Cain?

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Name: Olly Cain
Geburtsdatum:
8.11.1993
Beruf:
Profi-Freestyle-Skifahrer
Hobbys:
Grafikdesign, Skateboard, Fischen
Kieser Training-Kunde seit:
2013

Es ist ein sonniger Wintertag, in Breckenridge im US-Staat Colorado. Breckenridge ist ein beliebter Skiort in den Rocky Mountains. Die Berge sind berühmt für ihren tollen Pulverschnee. Doch Freestyle-Skifahrer Olly Cain bevorzugt planierte und präparierte Pisten. Eine Kamera hält seine Kunststücke im „Parkline Terrain Park“ fest: Er steht in einer knallgelben Schneehose auf der Piste, unter ihm sind drei Schanzen aufgebaut. Wie aus dem Nichts taucht er plötzlich über einer der Schanzen auf und dreht sich mehrfach um die eigene Achse. Nach der Landung springt er auf ein Geländer, gleitet mit seinen Skiern darüber und springt mit einem Rückwärtssalto wieder runter. Es folgen verschiedene Salti und Drehungen, mal mit weit geöffneten, mal mit überkreuzten Skiern. Schön sieht das aus – und anspruchsvoll.

Cain weiß, was er tut. Der 23-Jährige ist Mitglied des australischen Nationalteams. Sein Ziel: Olympia 2018. Einer der wichtigsten internationalen Wettbewerbe, an denen er teilgenommen hat, ist der „One Hit Wonder Big Air“ in Australien. Dort messen sich die besten Freestyler der Welt an einer mit 36,5 Metern extrem hohen Sprungschanze. Im vergangenen Jahr konnte er nicht teilnehmen. Der Rücken hat mal wieder Probleme gemacht. Schuld sind die vielen unsanften Landungen, die sein Körper immer wieder abfangen muss. Dabei wird die Wirbelsäule gestaucht. „Ein Problem, das alle Freestyler kennen“, sagt Cain. Freestyle-Skifahren gehört zu den Wintersportarten mit den häufigsten Unfällen. Auch das hat Cain schon zu spüren bekommen: Im Laufe seiner bisherigen Karriere hat er sich bereits beide Schlüsselbeine gebrochen, mehrere Rippen und die Schulter.

Skirennen waren ihm zu technisch und zu unkreativ

Weißes T-Shirt, kurze dunkelblonde Haare – so blickt Cain beim Video-Chat für das Interview in die Kamera. Im Moment jobbt er, um Geld für die Skisaison in den USA zu verdienen. Dort fährt er von Januar bis März. Dann jobbt er wieder, um die dreimonatige Skisaison in seiner Heimat zu finanzieren, die von Juni bis September geht. In Australien ist dann Winter. Cain erzählt, dass er als Dreijähriger in Frankreich zum ersten Mal auf Skiern stand. Damals lebte er mit seiner Familie noch in England, später zogen sie nach Australien – und stellten überrascht fest, dass es dort Schnee gab. Der Mount Buller, rund drei Stunden von seiner Heimatstadt Melbourne entfernt, wurde zu Cains Heimatrevier. Angefangen hat er mit Skirennen. „Das war mir aber zu technisch und zu strukturiert“, erzählt er. Und: „Die Trainer waren sehr streng.“ Freestyle-Skifahren ist für ihn dagegen entspannt und locker. Er kann kreativ sein – und viel springen. Das macht ihm Spaß.

Cain fährt Slopestyle, eine eigene Disziplin innerhalb des Freestyles. Ziel dabei ist es, einen Parcours aus Schanzen und Geländern zu durchfahren und dabei möglichst schwierige und stylische Tricks zu zeigen. Slopestyle ist eine ganz junge Profi-Disziplin, sie wurde erstmals bei den Olympischen Spielen 2014 in Sotschi zugelassen. Die Medaillen gingen damals an die USA und an Kanada.

Vollvermummt geht es auf die Piste

Aber auch hierzulande ist Freestyle auf dem Vormarsch: Beim Skiverband heißt es, dass es mittlerweile in fast allen Skigebieten Snowparks gibt, mit Elementen wie Rails (Geländer), Kicker (Schanzen) oder Boxen (Kästen). Jeder zweite verkaufte Ski, so sagen die Händler, ist mittlerweile ein Twintip, ein Ski, der auch hinten eine nach oben gebogene Spitze hat – ideal zum Rückwärtsfahren. Einen Rückwärtssalto werden aber sicher die wenigsten damit machen. Dabei ist Akrobatik auf Skiern keine neue Idee: Spätestens 1986 mit Willy Bogners Film „Feuer und Eis“ wurde Trickskifahren, wie man es damals nannte, Kult.

Freestyle ist ein lässiger Sport, zu dem Musik und Partys gehören. Olly Cain hat seine Videos mit Hip-Hop-Musik hinterlegt: Titel wie „Do it 4 Fun“, oder „It was a good day“ sind Programm. Stil ist nicht nur bei der Musik und den Tricks wichtig, sondern auch bei den Klamotten: Große Skibrillen, Schal oder Maske verdecken oft das ganze Gesicht. Warum? „Wind- und Wetterschutz“, sagt Olly Cain. Das nimmt man ihm nicht ganz ab, wenn er sich in einem Video zwar vollvermummt, aber gleichzeitig nur mit Kapuzenpulli und ohne Jacke auf der Piste zeigt. Hauptsache, es sieht gut aus. Cain erzählt, dass es nach den Freestyle-Wettbewerben meist eine Party gibt. „Ich feiere nicht so viel“, sagt er. Ihm ist es wichtiger, am nächsten Tag wieder fit zu sein. Er trainiert hart, seit zehn Jahren ist er Profi,  der Sport steht für ihn im Mittelpunkt. Es ist wichtig, dass sein Körper fit ist: Kräftige Muskeln reduzieren das Verletzungsrisiko, deshalb geht er regelmäßig zu Kieser Training.

Trotzdem ist die Verletzungsgefahr jeden Tag im Schnee mit dabei. Was sagen seine Eltern und seine Freundin dazu? Haben sie Angst, dass ihm etwas passiert? Cain wiederholt die Frage und dreht sein Smartphone so, dass seine Freundin Taya Curtis zu sehen ist. In Australien ist ein warmer Tag. Sie trägt ein Kleid mit Spaghettiträgern. „Doch“, sagt sie. „Ein bisschen Angst habe ich“. Sie fährt zwar selbst Snowboard, aber nur zum Spaß. Die beiden haben sich im Schnee kennengelernt, in Utah, ihrer Heimat in den USA.

„Das macht jeden ein bisschen nervös“

Cain übernimmt wieder: „Ja, ich kann mich bei meinem Sport verletzen und das macht jeden ein bisschen nervös“, sagt er. Aber meistens ist er sich sicher, dass er landen wird. Wie, landen? Was bedeutet es denn, nicht zu landen? „Dann landet man zum Beispiel auf dem Kopf, statt auf den Füßen“, erklärt er lachend. „Face plant“ sagen die Freestyler, wenn bei einem Sturz das Gesicht zuerst auf dem Boden auftrifft.

Stürze sieht Cain sportlich: „Dann weiß ich, was ich nächstes Mal nicht mehr tun sollte“, sagt er lachend. Zum Üben nutzt er auch mal ein Trampolin oder den Sprungturm im Schwimmbad. Aber trotz aller Vorbereitung: Die Gefahr ist immer dabei und auch die Angst. Die Angst hilft ihm, sich auf den Sprung zu konzentrieren und sich von der Partystimmung und der lauten Musik nicht ablenken zu lassen: Er geht dann den Bewegungsablauf im Kopf nochmal genau durch und fährt auf die erste Schanze zu...

Text: Monika Herbst

 

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