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„Was möglich ist, will ich auch schaffen“

Hoch hinaus wollte Reto Huber schon immer: Als Kind gehörte er zu den besten Kunstturnern der Schweiz, als Erwachsener erobert er Viertausender in den Alpen. Für beides braucht er die richtige Mischung aus Risikofreude und Vernunft.

Name: Reto Huber

Geburtsdatum: 30.10.1985

Beruf: Geschäftsleiter, Kieser Training Frenkendorf

Hobbys: Geräteturnen, Klettern, Skitouren, Alpinismus, Mountainbiken, Reisen

Kraft bedeutet für mich: Lebensqualität, denn sie ist die Voraussetzung für alle meine Hobbys.

Eine Nacht im vergangenen Frühsommer, in den Walliser Alpen. Oben, auf den Berggipfeln liegt Schnee. Um 2 Uhr morgens öffnet sich die Tür der Domhütte: Reto Huber und sein Freund treten hinaus in die klare, extrem kalte und stockfinstere Nacht. Nur durch den Schein ihrer Stirnlampen können sie den Weg durch das Geröll erkennen. Die beiden Kumpels haben viel vor: Sie wollen nach ganz oben, auf den Dom, mit 4.545 Metern der höchste Berg der Schweiz.

Noch war in dieser Saison niemand auf dem Gipfel. Es gibt keine Spuren im Schnee, an denen sie sich orientieren können. Die beiden haben am Tag zuvor lange mit dem Hüttenwart, der auch Bergführer ist, gesprochen. Er hat ihnen die Tour genau beschrieben. Sie führt über einen schmalen Grat, beim Abstieg müssen sie auf die Gletscherspalten achten. 14 Stunden haben die beiden für die Tour geplant, dann wollen sie wieder unten im Tal sein. Doch es läuft anders: Am Grat angekommen, sind sie unsicher, wo die Route weiter verläuft. Sie verlieren wertvolle Zeit. Reto Huber führt die Hochtour, er trägt die Verantwortung. Was sollen sie tun?

Salto vom Sprungturm als Fünfjähriger

Reto Huber, 31, ist Sportwissenschaftler und Geschäftsleiter des Kieser Training-Studios in Frenkendorf. An dem Mann mit dem jungenhaften Lachen und dem gepflegten Sechstagebart fallen sofort die vielen Muskeln auf. Man sieht ihm an, dass Sport in seinem Leben bis heute eine wichtige Rolle spielt. Seine Kindheit und Jugend dominierte der Spitzensport. Angefangen hatte alles mit einem Nachbarn, einem Trainer: Er hatte beobachtet, wie der fünfjährige Reto mit einem Salto in den Pool sprang und lud den schüchternen Jungen daraufhin zum Training ein. Der Nachbar hatte sein Talent richtig eingeschätzt: Reto Huber schaffte es als Kunstturner bis in das Juniorenkader der Schweiz und war damit nur noch eine Stufe entfernt vom Nationalkader – den besten Sportlern des Landes. Soweit kommt man nur, wenn man ehrgeizig ist. Wenn man nicht nur gut sein will, sondern besser als die anderen. Als Kind bestand sein Alltag aus Schule und Training, als Jugendlicher waren es bis zu 24 Stunden Sport pro Woche. Freie Tage waren selten: Zwei Wochen gab es im Sommer, eine an Weihnachten. Wenn seine Familie 14 Tage in den Skiurlaub fuhr, brachten seine Eltern ihn nach der Hälfte der Zeit zurück ins Trainingslager und fuhren mit seiner Schwester wieder los. Für den Sport hat er auf vieles verzichtet, aber bereut hat er es nie. Er war stolz: Wer konnte sonst schon mit einem zweieinhalbfachen Salto ins Schwimmbad springen?

Das Training

Reto Huber war als Kind Leistungssportler im Kunstturnen. Er hatte zwei Bandscheibenvorfälle im Bereich der Lendenwirbelsäule und dadurch immer wieder Rückenschmerzen. Als Sportstudent arbeitete er nebenbei bei Kieser Training und begann auch mit dem Training dort. An der computergestützten Rückenmaschine stärkte er seine Rückenstrecker. Nach weniger als sechs Monaten waren die Rückenschmerzen weg. Seitdem trainiert er zweimal wöchentlich, saisonal an seine Sportarten angepasst. Die Kräftigung der Rumpfmuskulatur steht dabei immer im Mittelpunkt. Im Winter - während der Skisaison - liegt der Schwerpunkt ansonsten auf der Beinmuskulatur, im Frühjahr - während der Wettkampfsaison im Geräteturnen - auf dem Oberkörper.


Mit 16 hatte er genug vom Spitzensport

Trotzdem entschied er als 16-Jähriger, mit dem Spitzensport aufzuhören. Er kam nicht mehr richtig voran, außerdem hatte er genug davon, die Freitagabende in der Turnhalle zu verbringen, während seine Freunde ausgingen. Dann, im Sommer 2007, hat ihn der Ehrgeiz noch einmal gepackt: Er war 22 Jahre alt, hatte sein erstes Jahr an der Uni abgeschlossen und war vom Kunstturnen aufs Geräteturnen umgestiegen. Geräteturnen in der Form gibt es nur in der Schweiz: Der Schwierigkeitsgrad ist niedriger als beim Kunstturnen und statt sechs Geräten (Boden, Pauschenpferd, Ringe, Sprung, Barren, Reck) gibt es nur fünf, das Pauschenpferd fällt weg. Reto Huber kam jetzt mit sechs, sieben Stunden Training pro Woche aus.

In dem Jahr hatte er im Juni den Arm beim Training gebrochen. Als Anfang August der Gips ab war, stemmte er sich mit aller Kraft in die Vorbereitungen für die Schweizer Meisterschaft im Geräteturnen im November. Für ihn war klar: Jetzt oder nie. Mit Blasen an den Händen trainierte er an der Reckstange weiter. Es hat sich gelohnt: Zum ersten Mal stand er in einem nationalen Wettkampf auf dem Siegerpodest. Er hatte den dritten Platz geschafft – und war unendlich erleichtert. Es war der Lohn für seinen jahrelangen Einsatz. Er war am Ziel.

Damals, an dem Frühsommertag, bei der Hochtour mit seinem Freund, sollte er sein Ziel nicht erreichen. Als er merkte, dass es seinem Freund unwohl war, entschied er, die Tour abzubrechen. Das fiel ihm nicht leicht, so kurz vor dem Gipfel. Er ist ehrgeizig und risikofreudig, das hat ihn der Sport gelehrt, aber er ist nicht leichtsinnig. Durch das Turnen weiß er auch: Mit einer Blockade im Kopf funktioniert der Körper nicht. Man muss auch mental dabei sein.

Heute kommt das Kribbeln vom Tourengehen

Inzwischen ist das Turnen ein Hobby, für das er nur noch zwei Stunden pro Woche aufwendet. Er tritt im Sektionsturnen am Barren an, dabei führt eine Gruppe synchron eine Choreografie vor.

Er genießt es, nicht mehr einzeln zu kämpfen, sondern im Team und nach dem Training mit den anderen noch ein Bier zu trinken. Seine Sportkameraden sind zu Freunden geworden. Sie gehen abends zusammen aus oder verbringen gemeinsame Wochenenden. Auch seine Partnerin turnt im Verein.

Durch den Bergsport ist auch der Kontakt zu seinem Vater wieder enger geworden, der nach seinem Auszug aus dem Elternhaus etwas gelitten hatte. Sein Vater ist seit 30 Jahren ein begeisterter Tourengeher, war schon auf vielen 4000ern und schwärmte immer davon. Irgendwann fehlte ihm die Begleitung. Reto Huber, der schon als kleines Kind Skifahren gelernt hatte, griff sich die Tourenski seiner Mutter und zog mit seinem Vater los. Das war vor sechs Jahren. Seitdem erklimmen sie gemeinsam die Gipfel. Und auf dem Berg war es plötzlich wieder da: dieses Kribbeln, das er vom Kunstturnen kannte, wenn er eine neue, schwierige Übung probierte und seine Grenzen testete. Hoch hinaus wollen – als Kind bedeutete das oft Verzicht für ihn. Heute, als Erwachsener, kann er den Sport und die damit verbundene Gemeinschaft uneingeschränkt genießen.

Wunderschöne und beeindruckende Bilder vom schneebedeckten Gipfel des Doms zeigt ein kurzes Video auf der Seite der Domhütte.

Text: Monika Herbst
Fotos: Verena Meier