Morgens immer müde?

Schlafen kann ich, wenn ich tot bin? Besser nicht. Wir brauchen ausreichend und guten Schlaf, um zu regenerieren und erholt und leistungsfähig in den nächsten Tag zu starten.

„Der gute Schlaf ist weder Luxus noch Zeitverschwendung. Im Gegenteil, er ist Grundvoraussetzung für Gesundheit, Leistungsfähigkeit und Wohlbefinden“, sagt Schlafforscher Prof. Jürgen Zulley. „Ohne Schlaf werden wir gereizt, depressiv oder krank.“

Allerdings scheint es, als würden viele Menschen nur vom guten Schlaf träumen. Das zeigt die Schlafstudie 2017 der Techniker Krankenkasse (TK). Demnach schlafen zwei Drittel der Befragten gut oder sehr gut, jeder Dritte allerdings mittelmäßig, schlecht oder sehr schlecht. Darüber hinaus kommt die Mehrheit der Menschen lediglich auf maximal sechs Stunden Schlaf.

Der Sinn des Schlafes

„Nach dem Sinn des Wachseins fragt kaum jemand“, wundert sich Zulley. „Doch wieso wir schlafen, fragen sich viele und ob wir wirklich ein Drittel unseres Lebens so ‚untätig‘ zubringen müssen.“ Ja – lautet die eindeutige Antwort. Der Schlafforscher betont, dass Schlafen ein höchst aktives Geschehen ist. Das zeige sich schon daran, dass unser Körper lediglich 50 Kilokalorien weniger Energie verbraucht als im Wachzustand, unser Gehirn teils sogar mehr. Wenngleich unsere Antennen zur Außenwelt abgeschottet werden und Muskeltonus, Herzfrequenz, Blutdruck sowie Temperatur sinken und sich der Atem verlangsamt, ist in anderen Regionen die Hölle los.

„Ein ganzes Hormonorchester ist in der Nacht beschäftigt, uns fit für den nächsten Tag zu machen“, so Zulley. Gesteuert von der inneren Uhr und als Reaktion auf die Dunkelheit schüttet unsere Zirbeldrüse im Gehirn das Hormon Melatonin aus. Dieses bewirkt eine Erweiterung der peripheren Blutgefäße, setzt das Signal zum Einschlafen und macht uns müde, weshalb es auch als Schlafhormon bezeichnet wird. Man könnte es übrigens auch als „Grübelhormon” bezeichnen, denn es drückt die Stimmung – ein Grund, warum Probleme nachts schnell zu Bergen werden. Trifft morgens helles Licht auf die Netzhaut, wird die Melatonin-Produktion in der Zirbeldrüse gehemmt und wir werden wach.

Für die Regeneration ist unser Schlaf immens wichtig. Der Grund: In der ersten Nachthälfte produziert die Hirnanhangdrüse ein Wachstumshormon, das für den Zellaufbau unerlässlich ist. Zulley erklärt: „Es lässt Haut, Haare und Knochen und Muskeln wachsen, reguliert den Fettstoffwechsel und ist beispielsweise für die Wundheilung erforderlich.“

Ab ca. 3 Uhr nachts kommt laut Zulley dann wieder das Stresshormon Kortisol auf den Plan – der Körper wird aufs Aufwachen vorbereitet. Selbst dann, wenn wir erst um 2 Uhr schlafen würden. Kortisol unterdrückt die Ausschüttung des Wachstumshormons, erhöht den Blutzuckerspiegel, aktiviert den Stoffwechsel und hemmt das Immunsystem. „Wenn man unter Stress steht, wird vermehrt Kortisol ausgeschüttet und zwar schon in der ersten Nachthälfte“, erklärt Zulley. „Und dann werden wir wachgehalten – an erholsamen Schlaf ist nicht mehr zu denken.“

Es gibt weitere wichtige Funktionen des Schlafes. Etwa die der gründlichen Verdauung. Das gilt auch für Erlebtes und Erlerntes, das nächtens vom Gehirn wiederholt wird. „Schlafen festigt neues Wissen, denn im Schlaf ist unser Gehirn damit beschäftigt, das abzuspeichern, was wir am Tag gelernt haben“, weiß Zulley. Fakt ist: Im Schlaf finden wichtige Erholungs- und Reparaturprozesse statt.

Schlaf und Gesundheit

Zu wenig und nicht erholsamer Schlaf stehen in engem Zusammenhang mit unserer Gesundheit. „Wer nicht ausreichend schläft, wird krank und gefährdet nicht nur die eigene Gesundheit, wenn Unfallrisiko und Fehlerquote im Job steigen“, so die Herausgeber der TK-Studie. Demnach steige etwa das Risiko für Herz-Kreislauf- und Magenbeschwerden, für Depressionen und Übergewicht. Auch werde das Immunsystem geschwächt, Konzentrationsfähigkeit und Aufmerksamkeit herabgesetzt.

Umgekehrt zeigt die Studie: Wer gesund ist, schläft auch besser. Wer dagegen öfter oder dauerhaft unter gesundheitlichen Problemen leidet, schläft schlechter als Gesunde. So sind 54 Prozent der „Schlechtschläfer“ von Muskelverspannungen und Rückenschmerzen betroffen, bei den „Gutschläfern“ sind es nur 35 Prozent.

Schlafkiller

Doch was raubt uns eigentlich den Schlaf? Lärm, Licht, Temperatur, Gift- und Schadstoffe, gesundheitliche Beschwerden und Schmerzen, beruflicher und privater Stress, Medikamente, zu fettes und spätes Essen, Alkohol, körperliche Inaktivität – Schlafkiller gibt es zuhauf. Mit der richtigen „Schlafhygiene“ können wir aber erheblich Einfluss nehmen und schon mit kleinen Lebensstilveränderungen viel erreichen. Dazu zählen auch körperliche Aktivität und Krafttraining.

 

Prof. Dr. Dr. Jürgen Zulley ist Diplom-Ingenieur und Diplom-Psychologe, Professor für Biologische Psychologie an der Universität Regensburg, Somnologe (DGSM) und Buchautor. Über 45 Jahre war er auf den Gebieten der Schlafforschung, Chronobiologie und Klinischen Psychologie tätig. Von 1993 bis zu seinem Ruhestand 2010 war er Leiter des Schlafmedizinischen Zentrums am Universitäts- und Bezirksklinikum Regensburg und Leitender Psychologe.