Forschung

Halten Muskeln Winterschlaf?

Haben Sie auch schon einmal gelesen oder gehört, dass Muskeln „autonome Reserven“ besitzen? Damit wird ein Kraftreservoir postuliert, das in Extremsituationen, beispielsweise bei Todesgefahr, angezapft wird und welches unter normalen Umständen durch unser Nervensystem geschützt ist.

Diese Idee geht davon aus, dass wir über ruhende motorische Einheiten verfügen, die eben nur unter Extremsituationen „geweckt“ und für die Kraftproduktion eingesetzt werden. Zur Erinnerung: Motorische Einheiten setzen sich immer aus einer motorischen Nervenzelle und allen von dieser Zelle innervierten Muskelfasern zusammen (siehe Reflex 62). Träfe diese Vorstellung zu, würde das allerdings bedeuten, dass bestimmte Muskelfasern selten bis nie zum Einsatz kämen. Doch gibt es ein solches Reservoir tatsächlich, und kann man es wecken oder ist es nur ein Mythos?

Skepsis ist bereits angezeigt, wenn man sich die Frage stellt, warum gerade diese Muskelfasern bei Nichtgebrauch vor der Atrophie (Muskelschwund) geschützt sein sollten.

Doch wie lässt sich dann erklären, dass wir unter Extrembedingungen über eine höhere Kraft verfügen? Eine mögliche physiologische Begründung liegt in den sogenannten Feuerraten der motorischen Einheiten. Was bedeutet das? Die Rekrutierung der motorischen Einheiten erfolgt über elektrische Impulse – und zwar in einem aufsteigenden Muster. Bei körperlicher Aktivität arbeiten zuerst die kleinen motorischen Einheiten und damit nur wenige Muskelfasern vom Typ-1. Das sind langsam zuckende Fasern, die zwar wenig und langsam Kraft produzieren, die aber nahezu ermüdungsresistent sind. Erst mit zunehmender Ermüdung kommen immer mehr große motorische Einheiten zum Einsatz. Die Zellkörper der zugehörigen Motoneurone sind groß und dick und aktivieren tendenziell viele Muskelfasern vom Typ-2, d. h. schnell zuckende Fasern, die in kurzer Zeit eine hohe Kraft generieren, aber schnell ermüden. Im Verlauf dieser Rekrutierung nehmen die Feuerraten jeder einzelnen motorischen Einheit ab. Das bedeutet, dass die größeren motorischen Einheiten mit einer tieferen Feuerfrequenz in Betrieb genommen werden als die kleinen. Studien mit Elektrostimulation haben aber gezeigt, dass auch die größeren motorischen Einheiten durchaus auch mit höheren Feuerraten rekrutiert und damit früher in Betrieb genommen werden könnten. Demnach besitzen unsere motorischen Nervenzellen die Fähigkeit, die Feuerrate zu variieren und somit eine gewisse Kraftreserve auszureizen.

Also: Es gibt keine Muskeln, die sich quasi im Winterschlaf befinden und die Sie wecken könnten. Führen Sie einfach regelmäßig Ihre Muskeln an ihre Grenzen und stellen Sie so sicher, dass sich Ihre Muskeln ständig im Frühling befinden. Auch wenn wir den Schutzmechanismus willentlich nicht ändern können, so gilt doch: Durch mehr Muskelmasse sind Sie auch für extreme und kritische Situationen bestens gewappnet.


Artikel aus dem Reflex 66, Text von Dr. sc. ETH David Aguayo

Zugehörige Beiträge

Neues aus der Forschung

Kieser Training wirkt – Die Studie aus dem Jahr 2009

Starke Füße – stabile Sprunggelenke

Effektives Training für den Beckenboden

Am Puls der Wissenschaft - Krafttraining ist eine Notwendigkeit

Krafttraining: Besser kurz und intensiv trainieren

Abstract: Explorative Machbarkeitsstudie

Beckenbodentraining damit die Blase dichthält

Älter werden ist ok. Schwächer werden nicht.

Mit Krafttraining Diabetes Typ 2 verbessern

Forschungsprojekt "Intentions-Verhaltenslücke – Ursachen und Optimierungspotential"

Inaktivität ist fatal