Zivilisationskrankheiten

Den Beckenboden sollte jeder trainieren – am besten schon in jungen Jahren

Nicht nur eine Schwangerschaft kann zu Problemen mit dem Beckenboden führen, auch zu viel Stress kann schuld sein. Warum das so ist und was man dagegen tun kann, erklärt Beckenboden-Expertin Professorin Barbara Köhler.

Probleme mit dem Beckenboden – wen betrifft das?

Häufig werden Beckenbodenprobleme wie eine beginnende Belastungsinkontinenz durch Schwangerschaft oder Geburt ausgelöst. Deshalb sind Frauen etwa doppelt so häufig betroffen wie Männer. Auch die Menopause ist bei ihnen eine kritische Zeit. Männer trifft es eher im Zusammenhang mit Prostata-Problemen und Prostatakrebs-Operationen. Zunehmend beobachte ich auch Patienten mit viel Stress, deren Beckenbodenmuskulatur verkrampft ist und deshalb nicht mehr richtig funktioniert. Ein Beckenbodentraining ist deswegen für Frauen und Männer empfehlenswert.

Warum macht der Beckenboden so häufig Probleme?

Der Beckenboden besteht aus drei Muskelschichten, die längs, quer und diagonal verspannen, sowie aus Binde- und Fettgewebe und aus Öffnungen, die ringförmig von Muskeln umgeben sind. Das Problem sind die entgegengesetzten Aufgaben. Der Beckenboden muss stabilisieren, zum Beispiel die Bauchorgane, und er muss nachgeben, zum Beispiel bei einer Geburt oder beim Gang zur Toilette. Dieser Konflikt wird dadurch verschärft, dass wir in der Evolution die ersten Lebewesen sind, bei denen der Beckenboden der Schwerkraft ausgesetzt ist. Wir stehen und sitzen stundenlang, das bedeutet dauerhaft senkrechte Belastung für den Beckenboden.

Wie kommt es dazu, dass dann die Blase nicht mehr dichthält?

Wenn man hustet oder etwas Schweres hebt, baut man Druck im Bauchraum auf. Diesem Druck versucht der Körper standzuhalten. Von hinten hält die knöcherne Wirbelsäule gegen, von oben das Zwerchfell und von vorne der Bauch. Die Muskeln werden hart. Bleibt also der Beckenboden als schwächster Punkt. Der Druck überträgt sich auf die Flüssigkeit in der Blase und schließlich auf den Blasenausgang. Der Verschlussmechanismus ist überfordert. Die Blase wird undicht, Urin geht ab.

Was kann man tun, um solchen Problemen vorzubeugen?

Es müsste viel mehr geforscht und präventiv gearbeitet werden. Auch beim Training wird der Beckenboden immer außen vorgelassen. Mit der Beckenbodenmaschine A5 gibt es jetzt bei Kieser Training endlich ein Gerät für diese Muskelgruppe. Damit wird sie zum Trainingsziel erklärt. Menschen werden aufmerksam und fragen, was es mit diesem Gerät auf sich hat. Das hilft, ein Tabu zu brechen. Wer seinen Beckenboden trainiert, beugt solchen Problemen vor. Beckenbodentraining ist für Frauen und Männer sinnvoll. 

In welchen Lebensphasen ist Beckenbodentraining ein Thema?

Immer. Jeder sollte die Beckenbodenmaschine schon in jungen Jahren ins Training integrieren und das bis ins hohe Alter beibehalten. Es gibt keinen Grund, warum ältere Menschen inkontinent werden sollten. Es stimmt nicht, dass das normal ist. Frauen, die in der Schwangerschaft mit der Maschine trainieren, erreichen zwei Dinge. Erstens: Die Muskulatur wird kräftiger. Zweitens lernen sie, besser zu entspannen. Beides ist eine wichtige Voraussetzung für eine Geburt. Ich beobachte, dass es immer mehr Menschen gibt, die so angespannt und gestresst sind, dass sie den Beckenboden nicht mehr entspannen können und deshalb Probleme bekommen. Der Beckenboden ist eben bei vielen Menschen nicht nur schwach, sondern auch verkrampft oder in einer Fehlposition. Wie ein verspannter Nacken kann er weder anspannen, noch locker lassen. An der Beckenbodenmaschine kann man beides trainieren und das ist wirklich gut.

Was haben Sie in Ihrer Studie untersucht?

Wir haben Mitarbeiterinnen der Klinik mit einer leichten Belastungsinkontinenz 12 Wochen an der Beckenbodenmaschine von Kieser Training trainieren lassen, um zu prüfen, ob sich ihre Beschwerden durch das Training der Beckenbodenmuskulatur bessern. Voraussetzung war, dass sie mindestens ein Kind geboren hatten und an einer leichten Beckenbodenschwäche leiden. Von etwa 2.500 angeschriebenen Mitarbeiterinnen wollten über 60 an der Studie teilnehmen. Was uns sehr erstaunt hat: Viele hatten eine schwere Beckenbodenschwäche, weshalb wir sie aus der Studie ausschließen mussten. Und das, obwohl die Mitarbeiterinnen Zugriff auf eine spezialisierte Abteilung in unserer Klinik haben, wo sie allerdings nicht hingehen. Am Schluss hatten wir 20 Teilnehmerinnen mit einer leichten Beckenbodenschwäche. Zwei davon konnten das Beckenbodentraining nicht durchführen, da sie nicht in der Lage waren, den Beckenboden anzuspannen. Wir haben das mit Ultraschall kontrolliert. Das Resultat der Studie war sehr gut. Durch das Training an der A5 hat sich das Problem entweder erledigt oder zumindest deutlich verbessert.

Wie unterscheidet sich eine leichte von einer schweren Beckenbodenschwäche?

Von einer leichten Beckenbodenschwäche spricht man, wenn bei Situationen wie Husten, Niesen oder leichter körperlicher Aktivität wenige Tropfen Urin abgehen. Wird jemand richtig nass oder merkt auch bei normalen Alltagsbewegungen, wie einem Spaziergang, dass er Urin verliert, spricht man von einer mittleren oder schweren Beckenbodenschwäche.

An wen kann man sich bei schwerwiegenderen Problemen mit dem Beckenboden wenden?

Ideal sind Beckenbodenzentren, man hat einen Ansprechpartner, der die Behandlung koordiniert und einen zum passenden Arzt oder Therapeuten schickt, zum Beispiel zum Urologen oder zu einem spezialisierten Physiotherapeuten.

Was kann man seinem Beckenboden noch Gutes tun – außer gezieltem Training?

Wichtig ist es, den Beckenboden bewusst anzuspannen, wenn sich der Druck im Bauchraum erhöht. Also wenn man zum Beispiel einen Gegenstand oder ein Kind hochhebt oder wenn man niest oder hustet.

Darf man mit Beckenbodenproblemen joggen?

Das kann gut oder schlecht sein. Bei einer ganz leichten Beckenbodenschwäche, wenn nur ein bisschen Kraft fehlt, wird der Beckenboden beim Joggen gut aktiviert. Wenn es schon zu einer Senkung der Organe gekommen ist, sind Sportarten wie Joggen oder auch Trampolinspringen schlecht, weil der Beckenboden zu stark erschüttert und dadurch noch instabiler wird. Das hängt immer vom Einzelfall ab. Manchmal muss man den Beckenboden erst auftrainieren, bevor man mit Joggen anfängt. 

Die gute Nachricht?

Der Beckenboden besteht aus Muskeln, von denen man viele bewusst ansteuern und trainieren kann. Mit Beckenbodentraining kann man deshalb viel erreichen.
 

Unsere Expertin: Barbara Köhler ist Professorin am Institut für Physiotherapie an der Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften (ZHAW Gesundheit). Sie hat sich auf Innere Organe und Gefäße spezialisiert. Außerdem arbeitet sie in ihrer eigenen Praxis. für Beckenboden-Gesundheit in Zürich.


Text von Monika Herbst

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